Home Geisteswissenschaften Literatur Carla del Ponte: „Im Namen der Anklage“ – Die „Gummiwand“ im Kriegsverbrechertribunal

Carla del Ponte: „Im Namen der Anklage“ – Die „Gummiwand“ im Kriegsverbrechertribunal

Acht Jahre lang war Carla del Ponte Chefanklägerin am internationalen Gerichtshof in Den Haag. Acht Jahre lang war sie den schwersten Menschheitsverbrechen auf der Spur. Doch immer wieder scheiterte die resolute Frau an den politischen Verstrickungen, die fast alle Kriegsverbrechen mit sich ziehen. Acht Jahre lang lief sie gegen diese „Gummiwand“, wie sie es nennt, an. Dann hat es ihr gereicht.

Danach hat die Schweiz sie schnell als Botschafterin nach Argentinien abgeschoben, denn die Frau kennt Namen… Namen von Mittätern und Namen von etlichen Politikern und Wirtschaftsbossen, die an Kriegs- und Menschenrechtsverbrechen profitieren und diese deshalb decken.

Nun meldet sich Carla del Ponte endlich selbst zu Wort: „Im Namen der Anklage: Meine Jagd auf Kriegsverbrecher und die Suche nach Gerechtigkeit“ heißt ihre Biographie. Dafür hat sie gleich einmal von der Schweiz einen Maulkorb bekommen und darf das Buch nicht bewerben. Denn was tut sie? Sie nennt Namen und Schuldige. Und gerade weil man deutlich merkt, dass sie dabei noch größte Vorsicht walten lässt und wohl nur einen kleinen Teil, von dem erzählt, was sie wirklich weiß, ist man verblüfft, dass selbst ein paar dieser Namen die Mächtigen gleich im Vorfeld erzittern lassen.

Carla del Ponte klagt an. Sie erzählt aber in erster Linie auch ihre Biographie. Aufgewachsen als Wirtstochter im Tessin wird sie zunächst zur Schweizer Bundesanwältin und dann eben zur Chefanklägerin am internationalen Gerichtshof in Den Haag. Viele andere Rezensenten haben ihr vorgeworfen, nicht sachlich und objektiv genug zu sein. Doch gerade das macht das Buch aus! Es ist die persönliche und biographische Selbsteinschätzung einer Frau, die jahrelang versucht hat die größten Verbrecher an der Menschheit dingfest zu machen und immer wieder an den Gummiwänden der Politik gescheitert ist. Da darf man, muss man sogar, frustriert sein! Das macht das ganze erst menschlich!

Ihr größter Erfolg war wohl der Prozess gegen den serbischen Präsidenten Slobodan Miloševic und dessen Verurteilung. Immer wieder hat sich Carla del Ponte mutig gegen internationale Banden gestellt. Sie kämpfte offen gegen die Mafia, drehte dem Bhutto-Clan den Geldhahn zu oder prangerte russische Oligarchen an.

Doch die Gummiwand war allgegenwärtig: Gegen die Kriegsverbrechen in Ruanda konnte sie nichts tun, Ratko Mladic und Radovan Karadžic, der erst 2008 verhaftet wurde, konnte sie nicht fassen, weil wohl so hohe Tiere wie Clinton oder Chirac die Auslieferung immer wieder verhinderten…

Carla del Ponte ist eine mutige Frau, die sich immer offen für die Gerechtigkeit der Justiz aussprach, auch wenn dies gegen die Regeln von Politik und Wirtschaft ging. „Im Namen der Anklage“ ist ein wichtiges und sehr persönliches Buch, das einem mal wieder vor Augen hält wie marode und wacklig unser ach so perfektes System ist!

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