Home Geisteswissenschaften Literatur Der Forer und Barnum Effekt: Über selektive Kognition, Cold Reading und Horoskope

Der Forer und Barnum Effekt: Über selektive Kognition, Cold Reading und Horoskope

Gerade in der Astrologie liest man häufiger sein Horoskop und muss erstaunt fest stellen, wie sehr es auf einen zutrifft. Doch stimmt das wirklich oder lässt man sich hier mit allgemeinen Schmeicheleien einwickeln?

1948 erdachte Bertram R. Forer einen Psychologietest der ganz besonderen Art. Damit wollte er testen, wie die Selbsteinschätzung in Hinsicht auf relativ allgemeine, kaum negative Aussagen seiner Testobjekte sei und wie sehr sie sich beeinflussen ließe.

Der Forer Test mit Personenanalyse

Dabei ließ er eine Gruppe einen Persönlichkeitstest ausfüllen und legte ihr danach Persönlichkeitsanalysen vor, mit der Behauptung, dass jede individuell auf den einzelnen Teilnehmer abgestimmt sei.

Nun sollten die Teilnehmer ihre Analysen von einer Skala von 0 bis 5 bewerten, wie genau sie sich selbst darin wieder fanden.

Im Durchschnitt befanden die Teilnehmer des Experiments, dass die Aussagen bis zu einer Skala von 4 und mehr reichten, die Mehrzahl ging also davon aus, dass die Analyse äußerst akkurat auf die Individuen passte.

Der Clou: Alle bekamen denselben Text und zwar einen allgemeinen Text aus einem Horoskop.

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Der Barnum Effekt

Forers Test wurde nach Barnum als „Barnum Effect“ benannt, da P.T. Barnum (ein berühmter Betrüger im 19. Jahrhundert) einst meinte, dass „wir etwas für jeden haben“. Damit ist gemeint, dass ein Text, der allgemein genug geschrieben ist, auf jede Person zustimmt, wenn er nur genug schmeichelt.

Man selektiert dabei die Informationen, die zu einem passen, vor allem, wenn diese kritisch erscheinen, aber letzten Endes schmeichelnd formuliert sind (etwa „Sie sind sehr selbstkritisch“ oder „Sie sind sehr kreativ, haben aber Angst, ihre Vorhaben nicht realisieren zu können“).

Alles, was nicht wirklich auf einen zutrifft, wird oftmals unbewusst ignoriert und als verständliche Irrung anerkannt, immerhin sind 100% Richtigkeit unmöglich.

Dies funktioniert ebenso bei Horoskopen (schriftlich und mündlich) und wer ganz genau nachliest, der wird nicht selten die Bestätigung zweier eigentlich gegensätzlicher Inhalte in einem Satz finden, so dass zwei Möglichkeiten abgedeckt sind. Die Aussage kann also nur bestätigt werden. Das Gehirn ignoriert die Sache, die nicht zutrifft und erinnert sich an diejenige, die zugetroffen ist. Ein gutes Beispiel ist hier folgende Voraussage von El Fantandu zum Wetter:

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Abgesehen von ein paar Gewittern wird es also ein perfekter Sommer. Rein statistisch wird das wohl auf ausnahmslos jeden Sommer seit hunderten von Jahren in Deutschland zutreffen, dass es kein perfekter Sommer ist, wenn es Gewitter gibt, wird schnell ignoriert, wenn es regnet hatte er recht, wenn es warm wird, ebenso.

Übrigens auch interessant: Die Antwort zum Krieg, denn für die Euro-zentrierten Zuschauer wird wohl ein Syrien Krieg kaum der Rede wert sein, weshalb es gerne „am Rande“ geschehen darf, dass Amerika niemals einen europäischen Staat angreifen würde, zumindest nicht im derzeitigen politischen Klima, ist logisch, kann aber im Nachhinein trotzdem als „Wahrsagerei“ interpretiert werden.

Betrugsfälle durch den Barnum Effekt

Astrologen und Wahrsager arbeiten vorwiegend mit dem Barnum Effekt, indem sie unglaublich viele Information geben, aus denen zwangsweise irgend etwas stimmen muss. Niemand wird da sitzen und annehmen, dass er weder kreativ, aufgeschlossen, selbstkritisch oder intelligent ist. Früher oder später wird der Wahrsager etwas finden, bzw. sagen, dass einen selbst betrifft und in genau diesem Moment wird man darauf reagieren und danach sehr selektiv nach anderen Infos gehen, die ebenfalls passen.

Dieses „Angeln“ ist vor allem bei Trickbetrügern beliebt und funktioniert auch mit Statements, die sehr viel emotionaler sind. Wenn man genau darauf achtet, wird man bemerken, dass Aussagen solcher Wahrsager selten genau sind, sondern eher Floskeln a la „Sie haben eine schwere Zeit hinter sich“ enthalten. Reagiert man darauf, gehen sie weiter darauf ein, tut man es nicht, machen sie weiter und angeln nach anderen Signalen (auch non-verbalen Signalen, eine plötzliche Körperanspannung oder geweitete Augen sind manchmal aussagekräftiger als verbale Zustimmung). Und so hangeln sie sich von Hinweis zu Hinweis, bis ihnen das Testobjekt durch ständige Bestätigung oder Reaktion zu einem Satz wie „Sie haben sich kürzlich scheiden lassen“ hingeführt hat.

Cold Reading

Diese Technik nennt man allgemein „Cold Reading“, also „kaltes Lesen“. Damit ist gemeint, dass man jemanden liest, ohne etwas über die Person zu wissen. Dies wird nicht nur bei Wahrsagern und anderen Esoterik Profis verwendet, auch Pick up Artists, also Männer, die Frauen und ihre Telefonnummern wie Trophäen sammeln, lieben es, ihre hilflosen Opfer derartig zu manipulieren und damit den Eindruck zu vermitteln, dass sie das Objekt der Begierde verstehen.

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Beim Cold Reading werden sehr allgemeine Aussagen gemacht, deren Bedeutung erst vom Subjekt, bzw. Empfänger eingebunden wird. So kann ein Pick Up Artist eine Frau fragen, ob sie einen Traum für ihn interpretieren könnte und wird ihr dann einen mehr oder weniger simpel symbolischen Traum berichten. Antwortet sie ihm, wird sie durch ihre Interpretation diverse Wahrheiten über sich preis geben, die der Artist dann gegen sie verwenden kann.

Dass viele Pick Up Artists auswendig gelernte Sprüche verwenden deutet schnell darauf hin, dass es ganz konkrete Fragen sind, deren Antworten genau interpretiert werden können und so sehr viel über die Frau aussagen, wenn sie sich darauf einlässt.

Der Burnam Effekt in der Masse

Wahrsager nutzen dies sogar mit einem großen Publikum, je größer das Publikum, desto einfacher wird es für sie. So kann der Hellseher dem Publikum sagen, dass jemand im Raum erst kürzlich eine wichtige Person im Leben verloren hat. Er wird dabei offen lassen, ob es nur eine Trennung war oder ob jemand gestorben ist. Nun beobachtet er sehr genau, wie das Publikum reagiert. Irgendwer wird mit Sicherheit jemanden im Leben verloren haben und entsprechend agieren.

Auch Namen können einfach testweise genannt werden, so kann der Wahrsager einen allgemeinen, oft verwendeten Namen in die Gruppe rufen, je mehr Leute anwesend, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass jemand eine Person mit genau diesem Namen kennt. Nun wird mit testenden Fragen geprüft, ob die Person nahestehend ist, ob das Subjekt mit ihnen emotional involviert war oder ist usw.

Selbst, wenn derjenige nicht eng mit der Person verbunden ist, kann der Wahrsager in diesem Fall irgend etwas erzählen, das sich mit dieser Person ereignen wird, bei einer Geisterbeschwörung ist es sowieso egal wie nahe der Geist stand, immerhin ist die spirituelle Welt unergründlich.

Wer den Barnum Effekt für sich nutzt, der muss besonders aufmerksam sein, Leute beobachten, kleinste Signale lesen können. Der EQ muss dementsprechend hoch sein und ein Auge für Details ist Gold wert und mangelnde moralische Ansprüche tun ihr übriges.

Auch allgemeines Wissen über Statistik kann nicht schaden. Je älter das Subjekt, desto wahrscheinlicher, dass diese Person jemanden im Leben verloren hat, bereits krank war oder aber geschieden wurde.

Wer noch jung ist und keinen Ehering trägt, sucht wahrscheinlich immer noch nach der großen Liebe, vielleicht sogar nach einem erfüllenden Job.

Der Barnum Effekt lässt sich immer wieder beobachten und wird meistens leider auch ausgenutzt, um Menschen zu manipulieren. Ist man sich dessen bewusst, kann man auch so einiges über sich selbst erfahren, denn ist man wirklich kreativ und hat Angst, dass man seine Vorhaben nicht realisieren kann oder wäre man es nur gerne?

Wichtig ist, dass man in den meisten Fällen eher unbewusst versucht, Bedeutung in etwas hinein zu lesen, tatsächlich ist es schwer, etwas völlig zu ignorieren, wenn es irgendeinen Wert für uns hat. Genau damit wird man zu einem leichten Opfer, denn Beruf, Beziehungen und Ambitionen liegen allen Menschen am Herzen. Das heißt nicht, dass man nicht emotional an Dinge heran gehen soll, aber wenn man nach Bedeutung sucht, egal wo, dann kann man schnell und sehr einfach manipuliert werden.

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