Ringelnatz

Joachim Ringelnatz, der eigentlich Hans Bötticher hieß, gehört mit Sicherheit zum Besten, was Deutschland an Dichtern zu bieten hatte.

Er ist vor allem für seine groteske Unsinnpoesie bekannt, aber Ringelnatz konnte auch anders. Gerade in späteren Jahren wittmete er sich mehr und mehr fast schon philosophischer, leicht melancholischer Lyrik. (Dazu später mehr…)

Doch hier soll es nocheinmal um die komischen und heiteren Gedichte Ringelnatz’s gehen.

Er verwendet in den fast stets durchgereimten Versen Alltagssprache und persifliert viele Bereiche unserer ach so modernen Gesellschaft. Über Sinn und Unsinn lässt sich hier streiten, denn was häufig als Nonsense abgetan wird, basiert jedoch auf einer totalen Überspitzung vieler Sichtweisen und Verhaltensregeln der Zivilisation (ähnlich wie bei Monty Python 😉 ) und wird so zur Satire.

Nun gut, am besten sprechen die Gedichte immer noch für sich. Hier eines das besonders gut zu dieser Seite passt: 😀

Der Bücherfreund

Ob ich Biblio- was bin?
Phile? „Freund von Büchern“ meinen Sie?
Na, und ob ich das bin!
Ha! und wie!

Mir sind Bücher, was den anderen Leuten
Weiber, Tanz, Gesellschaft, Kartenspiel,
Turnsport, Wein und weiß ich was, bedeuten.
Meine Bücher — wie beliebt? Wieviel?

Was, zum Henker, kümmert mich die Zahl.
Bitte, doch mich auszureden lassen.
Jedenfalls: viel mehr, als mein Regal
Halb imstande ist zu fassen.

Unterhaltung? Ja, bei Gott, das geben
Sie mir reichlich. Morgens zwölfmal nur
Nüchtern zwanzig Brockhausbände heben —
Hei ! das gibt den Muskeln die Latur.

Oh, ich mußte meine Bücherei,
Wenn ich je verreiste, stets vermissen.
Ob ein Stuhl zu hoch, zu niedrig sei,
Sechzig Bücher sind wie sechzig Kissen.

Ja natürlich auch vom künstlerischen
Standpunkt. Denn ich weiß die Rücken
So nach Gold und Lederton zu mischen,
Daß sie wie ein Bild die Stube schmücken.

Äußerlich? Mein Bester, Sie vergessen
Meine ungeheure Leidenschaft,
Pflanzen fürs Herbarium zu pressen.
Bücher lasten, Bücher haben Kraft.

Junger Freund, Sie sind recht unerfahren,
Und Sie fragen etwas reichlich frei.
Auch bei andern Menschen als Barbaren
Gehen schließlich Bücher mal entzwei.

Wie ? – ich jemals auch in Büchern lese??
Oh, sie unerhörter Ese—
Nein, pardon! – Doch positus, ich säße
Auf dem Lokus und Sie harrten
Draußen meiner Rückkehr, ach dann nur
Ja nicht länger auf mich warten.
Denn der Lokus ist bei mir ein Garten,
Den man abseits ohne Zeit und Uhr
Düngt und erntet dann Literatur.

Bücher – Nein, ich bitte Sie inständig:
Nicht mehr fragen! Laß dich doch belehren!
Bücher, auch wenn sie nicht eigenhändig
Handsigniert sind, soll man hochverehren.

Bücher werden, wenn man will, lebendig.
Über Bücher kann man ganz befehlen.
Und wer Bücher kauft, der kauft sich Seelen,
Und die Seelen können sich nicht wehren.

Mehr zu Ringelnatz und noch mehr Gedichte gibts bei ringelnatz.net…

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One Comment

  1. […] kein anderer deutscher Dichter, außer vielleicht Ringelnatz, hat die Lyrik auf so absurde und satirische Weise geprägt, wie Christian […]

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