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Was ist Ethik? Ein kleiner Abstecher in die Philosophie

In der Philosophie gehört Ethik zum praktischen Teil, denn sie soll maßgeblich das Miteinander regeln. Doch in den Auffassungen, was genau Ethik ist und welche Aufgaben sie hat, scheiden sich die Geister.

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Gerade wenn es um Gentechnik geht, werden immer wieder „ethische“ Einwände in die Diskussion geworfen, doch gerade weil sich da nicht selten eher religiöse Tradition trifft, ohne wirklich auf die ethischen Grundsätze einzugehen, ist es hilfreich, zu wissen, was mit Ethik eigentlich gemeint ist.

Ethik in der Gesellschaft

Ethik betrifft unser Leben und beinhaltet alle Entscheidungen die wir machen. Besonders, bzw. ausschließlich dort, wo Menschen mit anderen Menschen oder Lebewesen zu tun haben, spielt Ethik eine große Rolle.

Ein Arzt muss beispielsweise Entscheidungen treffen, inwieweit eine riskante Operation, deren Überlebenschancen sehr gering sind, lohnenswert ist; ein Polizist muss bei einer Geiselnahme entscheiden, wie weit er den Forderungen des Geiselnehmers nachgehen darf, damit er die Opfer nicht gefährdet.

Dort, wo Macht ausgeübt wird, ist es absolut notwendig, eine ethische Grundlage zu haben, die verhindert, dass Macht missbraucht wird. Ethik bewertet das Handeln der Menschen und dient grob als Kompass für die eigenen Entscheidungen.

Ethik und Moral – der kleine Unterschied

Zwar werden die Begriffe gerne synonym verwendet, aber man kann über den Daumen gepeilt sagen, dass die Moral das Handeln eines jeden Menschen ist, während die Ethik das Handeln beurteilt. Einen Schritt weiter gehend kann man auch sagen, dass jeder Mensch eine eigene Moral hat, die Ethik selbst aber den Anspruch hat, für alle Menschen gleich zu gelten.

Ethik und Gemeinschaft

„Das philosophische Wörterbuch“ (Klaus, Buhr (Hrsg.) VEB: Leipzig, 1969) definiert Ethik so: „allgemein Lehre oder Wissenschaft vom Sittlichen, jener Teil der Philosophie, der das moralische Bewusstsein und Verhalten der Menschen zum Gegenstand hat.“

Ursprünglich aus dem Griechischen „Ethos“, durchwanderte der Begriff verschiedene Bedeutungen, angefangen von dem Wohnsitz und Aufenthaltsort, zur Gewohnheit bis letztendlich zur sittlichen Gesinnung.

Diese stufenartige Entwicklung bis zu Aristoteles‘ erstem Gebrauch des spezifischen Wortes „Ethik“ macht in dem Kontext Sinn, denn die damals zum besseren Überleben in Gruppen lebenden Menschen mussten die Gemeinschaft unmittelbar mit dem Wohnsitz verbinden.

Daraus musste sich schließlich eine notwendige Regelung des Miteinanders ergeben, die aus Brauch und Sitte entstand und erst später die großen Fragen der Ethik aufwarf, etwa, ob der Mensch zu einem ethischen Verhalten erzogen werden muss oder das Wissen darum von Geburt an in sich trägt.

Ethik als Disziplin wurde damals von den Griechen in die Philosophie gebracht und wurde so aufgefasst, dass sie das Handeln der Menschen untersuchte und soweit zu bewerten suchte, dass bestmöglich eine Verhaltensformel gefunden werden konnte, die ein von Grund auf „richtiges“ Handeln des Menschen lehren konnte.

Aristoteles und die Ursprünge der Ethik als Disziplin

In seiner „Nikomachischen Ethik“ bezeichnete Aristoteles das Gute als das Ziel einer Handlung, ohne weiteres Ziel. Um das zu verdeutlichen, gab er die Vergleiche eines Sattelmachers, dessen Ziel es ist, einen Sattel anzufertigen. Der Sattel selbst ist jedoch nicht das eigentliche Ziel, sondern wird ja wiederrum für das Reiten verwendet, usw.

Das Gute jedoch, so Aristoteles, sei das Ziel, „das wir nur seiner Selbst willen erstreben“ und damit sei es äußerst wichtig, zumindest grob zu erfassen, was das „Gute“ eigentlich sei. Ist die Ethik dann das Erfassen des Guten?

Interessant in Aristoteles‘ Ausführungen ist außerdem, dass er a.) davon ausging, dass es das subjektive und das objektive Glück gibt, wobei ersteres oftmals mit animalischen Gelüsten einher ging und b.) dass es sich bei dem objektiven Glück um eine Tätigkeit und keinen Zustand handeln konnte, außerdem eine Tätigkeit, die nur um ihrer selbst willen getan wird.

Kant vs. Mill – Wille gegen Resultat

Kant ist allerorts für seine Ethik bekannt und hat maßgeblich unsere heutige Auffassung geprägt. Grob formuliert ist Kants Auffassung die, dass der Wille zählt. Wer also etwas tut, weil er davon überzeugt ist, dass es gut ist, der handele auch gut. Ihm gegenüber steht immer wieder Mill, der ebenso grob vertrat, dass eine gute Tat immer im Wohle der Mehrheit gewertet werden müsse und daher die Tat an sich werte.

Beide Philosophen werden teilweise falsch interpretiert, weshalb ich kurz eine kleine Übersicht ihrer Auffassungen geben werde, in denen auch die allgemein angenommenen Fehlschlüße behandelt werden

Kant – der gute Wille zählt

Kant ging davon aus, dass das vernünftige Wesen – zu dem der Mensch zugezählt werden kann – bereits von Geburt an ein Gefühl für das Richtige hat, weshalb er der Vernunft selbst das größte Gewicht in seiner Ethik gab.

Der Mensch strebe dadurch immer zur Glückseligkeit, der Zustand des Glücks (dadurch widersprach Kant auch Aristoteles). Sein Lebenswerk bestehe jedoch vor allem darin, Unglück zu vermeiden und das Glück zu fördern, wobei genau in diesem Bestreben das Erreichen der Glückseligkeit liege.

Heißt also, der Gedanke, der einer Tat vorausgeht, ist das Gute. Die Tat an sich, inklusive der Ergebnisse, messen das Gute nicht.

Kritisch zu betrachten ist hier natürlich, inwiefern wir als Menschen wirklich eine universelle, innere Vorstellung des Guten in uns tragen, denn wir müssen doch davon ausgehen, dass Menschen auch schlimme Dinge tun können, obwohl sie denken, dass es gut ist?

Dem geht Kant aber geschickt entgegen, indem er hinzu fügt, dass man alles, was man für sich will, im Gedankenspiel für alle wollen würde. Wenn ich also denke, dass es gut ist, wenn ich jeden Tag ausschlafen kann, muss ich – bevor ich das zu einer Regel mache – überlegen, wie es wäre, wenn alle jeden Tag ausschlafen würden. Wäre es gut oder nicht?

Dies bezeichnet man als Kants Imperativ, bzw. Maxime, nach der jeder Mensch leben sollte.

Nun mag man sich fragen, ob man vor jeder Entscheidung dieses Gedankenspiel durchgehen sollte, doch Kant ging davon aus, dass der Mensch als lernendes Wesen natürlich auch in der Lage ist, diese Dinge zu entscheiden, ohne in große Planspiele zu verfallen.

Kritisch zu bedenken ist bei Kant jedoch zweierlei:

1. Es ist nicht beweisbar, dass der Mensch von Geburt an vernünftig ist, weshalb Kants Grundgestell seiner Ethik auf wackeligen Beinen steht. Da Kinder von klein auf mit ethischen Grundwerten erzogen werden, müssen wir ohne Beweise daran glauben, dass der Mensch zum Guten tendiert, bzw. vernünftig handeln kann, ohne äußerlich zur Vernunft erzogen zu werden.

2. Nach Kant wird beim Menschen nur das bewertet, was er will, nicht das, was er nicht will, weshalb sich etwa bei unterlassener Hilfestellung die Frage stellt, ob ein Nicht-Wollen einer guten Sache, nicht mind. so schlimm ist, wie das Wollen einer Nicht-guten Sache?

Mills Utilitarismus

Das wohl beliebteste Beispiel, das jedem Philosophie-Schüler auf den Tisch gelegt wird, um Mills Ethik zu erklären sieht ungefähr so aus:

Man stelle sich die Situation vor, dass man zwischen zwei Gleisen steht, auf denen jeweils ein Zug voll mit gleich vielen Menschen fährt. Der eine Zug ist voller Sekretärinnen und Tischler, der andere Zug ist voller Ärzte und einem Mann, der an einem Mittel gegen Aids forscht. Man kann nur einen Zug retten, was tut man?

In der allgemeinen Auffassung von Mill wird man den Zug mit den Ärzten und dem Aids-Forscher retten, denn laut Textbuch ist Mills größte Regel: das Wohl der Mehrheit zählt, was auch gerne als Utilitarismus bezeichnet wird.

Allerdings ist nicht nur das Beispiel furchtbar, sondern auch die oftmals wenig erläuterte Aussage, die so aus dem Kontext gerissen Mills Auffassung stark verzerrt.

Im Gegensatz zu Kant zählt bei Mill das Endergebnis und damit nicht nur die Tat selbst, sondern alle Folgen dieser Tat. Wenn ich also Geld klaue, um meine OP zu bezahlen, zählt auch, wie sehr es denjenigen negativ beeinträchtigt, dem ich das Geld geklaut habe.

Allgemein muss man also bei jeder Tat überlegen, wie das eigene Glück mit dem Glück der Gemeinschaft vereinbar ist und das sollte für das Leben eines jeden Individuums die oberste Regel sein.

Dabei wird Mill oftmals hinzu gezogen, wenn es um das Märtyrertum geht, also die Selbstaufopferung zum Wohl der Mehrheit. Hierbei findet sich jedoch das Missverständnis um Mill in den Vordergrund.

Denn Mill ging es nicht nur darum, das Glück der Mehrheit zu fördern, sondern er unterschied Glück nicht nur nach Quantität, sondern auch nach Qualität. „…sind wir berechtigt, jener Freude eine höhere Qualität zuzuschreiben, die die Quantität so weit übertrifft, dass diese im Vergleich nur gering ins Gewicht fällt“ („Der Utilitarismus“).

Das heißt also, dass eben nicht das Wohl der Mehrheit dann das Leid der Minderheit entschuldigt, denn zuvor muss die Qualität des Wohls mit der Qualität des Leids verglichen werden.

Gerade bei politischen Entscheidungen ist Mill daher ein guter Kompass, wenn es um die Rechte einer Gruppe zum Nachteil der Rechte einer anderen Gruppe geht.

Ebenso geht Mill nicht davon aus, dass man ständig sein eigenes Glück für das Glück der Mehrheit aufopfern muss, denn er sagt „dass das Glück jedes einzelnen für diesen ein Gut ist und dass daher das allgemeine Glück ein Gut für die Gesamtheit der Menschen ist“, wer also auch dafür sorgt, dass er selbst glücklich ist, solange er gleichzeitig anderen kein Unglück zufügt, der sorgt auch für das allgemeine Glück.

Auch bei Mill finden sich allerdings ein paar Kritikpunkte:

1. Die gezwungene Aufopferung ist in Mills Theorie nicht vernünftig, jedoch sieht er das Opfer an sich als etwas, das – wenn es gerne gemacht wird – an sich tugendhaft ist. Hierbei müssen wir uns jedoch fragen, inwiefern wir beispielsweise vertreten könnten, dass ein gesunder Mensch sich gerne für einen kranken Menschen aufopfert, um sein Herz zu spenden.

In der heutigen Gesellschaft ist das verboten, in Mills Ethik wäre es das allerdings nicht.

2. Im Grunde ist es unmöglich, die Auswirkungen unseres Handelns zu erahnen, da wir vom hunderdsten ins Tausendste gehen müssten. Wie realistisch anwendbar ist also Mills Utilitarismus? Woher weiß ich denn, welche Auswirkungen meine Taten haben, wenn ich doch immer nur aus meinem subjektivem Erleben heraus einschätzen kann?

Ethik bleibt wichtig

So sehr die Philosophie im letzten Jahrhundert auch in die Ecke gerückt wurde, für das menschliche Miteinander ist sie dennoch immer noch ungemein wichtig, so auch, bzw. vor allem die Ethik, die danach bestrebt, eine Hilfestellung zum Miteinander zu geben, die das Glück aller fördert und das Unglück aller verringert.

Gerade in Fragen der Politik (Überwachung zum Schutz) oder der Forschung (Gentechnik oder auch Testlabore) ist die Ethik notwendig, um zu verhindern, dass das Glück der Menschen verringert wird, weil die Konsequenzen nicht bedacht wurden, bzw. weil der Zweck die Mittel heiligte.

Für das Individuum sollte Ethik auch dazu dienen, bei jeder Tat zu überlegen, inwieweit sie nicht nur das eigene Glück fördert, sondern auch, ob das eigene Glück nicht vielleicht das Unglück anderer vermehrt. Genau das sollte nämlich vermieden werden, da das Glück für alle nicht existieren kann, wenn man sein eigenes Glück auf Kosten anderer eintauscht.

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