Home Gesellschaft Hitler war Vegetarier und andere Unwahrheiten über Adolf

Hitler war Vegetarier und andere Unwahrheiten über Adolf

Das gefährliche Halbwissen macht auch vor Adolf Hitler nicht Halt, der seit jeher als Gegenargument für Atheismus, Vegetarismus und anderen Lebensstilen her halten muss. Was stimmt und was nicht, wollen wir hier einmal erforschen.

Vegetarier, Atheist, verkannter Kunststudent und Hundefreund, so ungefähr liest sich nicht nur das Dating Profil jedes zweiten Berliners sondern auch die kontroversen Fun Facts über Adolf Hitler. Was wahr ist, was nicht und warum man nicht von Individuen auf eine ganze Menschengruppe schließen sollte, erfährt man hier in der Aufzählung der größten Unwahrheiten über Hitler.

1. Hitler war Vegetarier

Was mussten sich Vegetarier und selbst Veganer schon anhören, wenn es um die Verteidigung des Fleischverzehrs ging, dabei schien „Hitler war Vegetarier“ ein angeblich durchschlagendes Argument zu sein, selbst wenn man nun wirklich nicht von einem einzigen schrecklichen Vegetarier auf alle schließen kann, immerhin könnten Vegetarier ähnlich zurück schlagen und behaupten, dass Goebbels ein großer Fleischliebhaber war.

Fakt vs. Fiktion

Über die Vorzüge des Vegetarismus sprach Hitler tatsächlich in Längen, auch in Artikeln der Propagandamagazine wurden oftmals seine Tierliebe und der dadurch hervor gerufene Vegetarismus betont. Auch wird erzählt, dass er zu großen Treffen an denen Fleisch gereicht wurde, grausige Geschichten über einen Besuch in einem ukrainischen Schlachthaus berichtete, um die Gäste vom Fleischgenuss abzuschrecken.

Hitler der Asket

Viele gehen davon aus, dass Goebbels Hitlers Vegetarismus gekünstelt dargestellt hat und dass Adolf auch mal die ein oder andere Schinkenscheibe verdrückt hat. Weil er auch sonst als Asket gezeigt wurde, also jemand, der Schwächen wie Alkohol, Rauchen und Frauen widerstand, schien der vegetarische Hitler perfekt ins Bild zu passen.

Geht man jedoch von einer Zeit aus in der Fleisch essen noch mehr als natürlich war, liegt es wohl eher nahe, dass die exzentrische Fleischvermeidung des Führers durch Goebbels etwas heldenreicher dargestellt wurde, da Hitler als großer Tierfreund bekannt war und auch – so absurd es klingen mag – Hinduismus faszinierend fand, sogar Briefe von Gandhi bekam. Diese sehr wohl als merkwürdig erscheinenden Eigenschaften eines Landesführers sahen sicher etwas ehrwürdiger in der Verkleidung der Askese aus, aber hier – wie so oft in dieser Frage – kann nur spekuliert werden.

Hitler der inkonsequente Vegetarier

Leider gibt es viele sich widersprechende Berichte, ob nun von Historikern oder sogar Zeitzeugen geschrieben, einige behaupten, dass Hitler ein großer Fan von Weißwürsten und Wildpasteten war, andere wissen um der strikten Regeln für Köche und dass Adolf sogar misstrauisch wurde, wenn seine Suppe zu sehr nach Rinderbrühe schmeckte.

Tischgespräche bestätigen Vegetarismus

Den Transkripten von 1941-44 stattfindenden Treffen unter Hitler und engen Bekannten nach soll er tatsächlich wortwörtlich über Vegetarismus gesprochen haben, viele Vegetarier denken jedoch, dass es sich dabei um eine Verschwörungstheorie der Fleischindustrie handelt, was allerdings etwas zu verrückt klingt, immerhin hätte das Argument, dass es sich um Fehlübersetzungen und Fälschungen handelt, ebenso gut gereicht. Denn dass die „Table Talks“ auch aus historischer Perspektive in Stücken angezweifelt werden (nicht zuletzt durch die Übersetzungen) steht ohne Zweifel fest.

Blähungen und Trauma

Eine weitere, leicht amüsante Theorie ist die, dass Hitler nicht aus Tierliebe sondern aus medizinischen Gründen vorwiegend von Fleisch Abstand nahm, da er an Blähungen litt und sein Doktor ihm riet, Fleisch zu vermeiden, um diese zu lindern. Auch soll er angeblich Anfang der 30er Jahre dem Fleisch abgeschworen haben, nachdem er den Leichnam seiner Lieblingsnichte zu sehen bekam. Ende der 30er litt auch seine Gesundheit, ein weiterer Grund, sich von Fleisch zu distanzieren.

Ein 100%er Vegetarier war er anscheinend nicht, von Lederstiefeln zu Proteinspritzen, die tierisches Protein enthielten schien er zwar in seiner Nahrungsaufnahme auf Fleisch zu verzichten (wenn man den Transkripten glauben kann), aber nicht konsequent genug gewesen zu sein. Hier stellt sich natürlich die Frage, wie militant man Vegetarismus definieren will und ob eine Verfehlung einen schon aus den Rängen schmeißt oder nicht.

Anstatt sich darüber zu streiten ob er nun ein echter Vegetarier war oder nicht, sollte man allerdings lieber darüber streiten, wie sehr dieser eine angeblich vegetarische Führer nun eine gesamte Lebenseinstellung in Verruf bringen kann.

2. Hitler war Atheist

Dasselbe Problem, das sich jedoch sehr viel leichter lösen lässt, haben auch Atheisten zu bekämpfen. Ich entschuldige mich im Voraus bei den Vegetariern, aber wenn es um die Verteidigung geht, müssen Atheisten hier sehr viel vehementer vorgehen, da Vegetarier lediglich einen schlechten Ruf mit dem schwarzen Schaf bekommen, Atheisten wird jedoch in Bezug dieser Aussage generell die ultimative Konsequenz einer gottlosen Welt geboten, da eine Welt ohne Gott, bzw. ohne moralische Instanz demnach ohne Umschweife zu etwas wie dem Holocaust führt.

Bevor wir uns an den Wahrheitsgehalt des Arguments machen, sollte jedoch noch einmal kurz erwähnt werden, dass man ähnliches auch über die zahlreichen Genozide im Rahmen von Religion (also mit dem Segen göttlicher Instanzen) sagen könnte, auch hier gelingt es nicht, von einem Einzelbeispiel auf das Ganze zu schließen, zumal die Theorie und Praxis von Glaubensrichtungen seit jeher große Diskrepanzen aufgewiesen haben.

Zurück zu Adolf.

Die Table Talks, bzw. Tischgespräche die auch schon den Vegetariern Sorgen bereiten, haben anscheinend auch die Abneigung Hitlers gegen das Christentum offenbart.

Der in einem streng katholischen Haushalt aufgewachsene Adolf hat sowohl öffentlich als auch in seinem literarischen Werk „Mein Kampf“ nur gute Worte über seine Interpretation des Christentums zu verlieren, insgesamt eine stark editierte Version natürlich, da immerhin alle jüdischen Impulse entfernt werden mussten.

Hitler kein Fan des Christentums

In den Table Talks hingegen soll er Bormann nach (dem Redakteur der Transkripte) eher negativ des Christentums gegenüber eingestellt gewesen sein, was in der logischen Schlussfolgerung allerdings nicht sofort im Atheismus endet, da es ja neben dem Christentum noch einige andere theistische Glauben gibt.

Gerade die öffentlichen Reden in Bezug auf das Christentum und den arischen Christen sollten mit einem Quäntchen Skepsis gesehen werden, da die politische Einflussnahme der Kirche sowie eine vorwiegend religiös geprägte Bevölkerung beruhigt werden mussten und so die private Einstellung Hitlers sicher nicht ganz in seinen Reden wiedergegeben wurde.

Bis zu seinem Tod blieb Hitler Mitglied der katholischen Kirche und trug ähnliches für seine engsten Mitarbeiter auf, ob er jedoch dem Christentum mit Herzen anhing ist fragwürdig.

Hitler der Deist

Was jedoch bis heute relativ sicher (daher aber auch nicht 100%ig) gesagt werden kann, ist die Tatsache, dass Hitler in christlichen, hinduistischen und anderweitig spirituellen Ideen keineswegs ein Atheist oder atheistischer Agnostiker war, vielmals liest man in „Mein Kampf“ oftmals von einer höheren Macht.

Goebbels ging davon aus, dass privaten Unterhaltungen nach das Christentum in den 30er Jahren keinen hohen Stellenwert in Hitlers Privatleben hatte. Allerdings wird Goebbels zitiert, dass er Hitler als zutiefst religiös sah. Viele Historiker gehen daher davon aus, dass Hitler relativ Religions-ungebunden an eine Macht glaubte, die für die Entstehung der Welt verantwortlich war, jedoch ansonsten keine weiteren Eingriffe in die natürlichen Verläufe der Welt vornahm.

Atheist war er jedoch in keinen der historisch belegten Zitaten, vielmehr sprach er sich häufig gegen Atheismus als kommunistisch-materialistisches Ende der Kultur aus.

3. Hitler war eng mit Okkultismus verbunden

Was in der Comicreihe „Hellboy“ und diversen anderen Horror- und Fantasyfilmen eher überzogen anmutet wird von vielen Menschen als wahr anerkannt: die Verbindung der Nazis mit Okkultismus. So sollen die Nazis am ewigen Leben gearbeitet, eng mit dem russischen Mystiker Rasputin angebandelt und auch für den Satanisten Crowley die Tore weit geöffnet haben.

Spätestens dann, wenn die Nazis angeblich durch geheime Orden motiviert wurden, sich mit diesen Themen auseinander zu setzen, sollte man skeptisch werden, weshalb diese Theorien unter Historikern auch eher als Schmarrn abgetan werden, was sich leider nur selten in entsprechenden Dokumentation wiederspiegelt.

Presserummel und Mythos

Neben den Verschwörungstheorien, die interessanterweise nicht direkt nach dem Untergang Hitlers auftraten, sondern erst in den 60ern aufkamen, lange nachdem das dritte Reich also in seiner grotesken und scheinbar unmöglichen Grausamkeit einen geradezu mythischen Status erreicht hatte, war es auch die Kirche, die in Form einiger Individuen annahm, dass der Führer und seine Anhänger von Dämonen besessen waren.

Gerade in Glaubenssystemen in denen es nur Gut und Böse gibt – wie es im Katholizismus sehr wohl der Fall ist – dürften also die Überzeugungen von Gabriel Amorth (übrigens ein Exorzist) nicht verwundern, würde ein Anerkennen, dass auch normale Menschen zu derartigen Gräueltaten getrieben werden könnten, doch eine ernste Glaubenskrise hervor rufen.

Tatsächlich gibt es keine glaubwürdigen Dokumente einer Verbindung des Nazi Regimes mit Okkultismus, die Reise der SS nach Tibet mag eher mit Hitlers Faszination für östliche Religionen und Kulturen zu tun gehabt haben und auch Verbindungen zu Crowley konnten nicht bestätigt werden, es sei denn man hält das fiktive Werk eines Crowley Anhängers für glaubwürdig genug.

Es gibt Theorien, dass Hitler dem Hellseher und Publizisten Erik Jan Hanussen einiges seines Charismas zu verdanken hat, aber es gibt keine Indizien dafür, dass sie sich jemals persönlich getroffen haben ganz zu schweigen von übernatürlichen Kräften, die Hitler ein bestimmteres Auftreten gegeben hätten.

4. Hitler war schwul

Einen der mächtigsten Männer Europas seiner Männlichkeit zu berauben ist mit diesem Gerücht natürlich aus sexistischer Sicht interessant, aber dass dieser doch eigentlich eher für Sketchrunden minder erfolgreiche Witz auch von Historikern vertreten wird, wundert dann schon.

Viele mögen in der besonders harten Verfolgung homosexueller Männer während des Nazi Regimes eine Art Umkehrhandlung zu Hitlers eigener Sexualität gesehen haben. Da besonders während der 50er und 60er Jahre Homosexualität gesellschaftlich weitaus stärker dämonisiert wurde als noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts, fand es sich auch in der übereifrigen Presse und Dämonisierung von Hitler wieder, weshalb man diese Gerüchte wohl eher als Mittel sehen kann, den sowieso schon schlimmsten Diktator der Welt noch das kleine Stück schlimmer einzufärben.

Hitlers Geliebte

Tatsächlich wurde aber angenommen, dass Hitler lange Zeit in seine Halbnichte Geli Raubal verliebt gewesen sei, die er Berichten zufolge fast wie eine Gefangene hielt. Angeblich soll sich Geli mit 23 Jahren erschossen haben, Spekulationen zufolge, weil sie die erdrückende Atmosphäre unter Hitlers Obhut nicht mehr ertragen konnte, andere behaupten, sie sei eifersüchtig auf Eva Braun gewesen. Hitler würde nach ihrem Tod in eine Depression verfallen und später Bilder von Geli in sein Zimmer hängen.

Auch andere Beziehungen zu vorwiegend jüngeren Frauen und auch seine Beziehung zu Eva Braun war – obwohl öffentlich lange geheim gehalten – in inneren Kreisen kein Geheimnis.

Spekulationen ohne Beweise

Sicher wurden die Gerüchte über Hitlers Sexualität durch Briefe von Ernst Hanfstängl, Hitlers Klavierspieler, weiter angerührt, da er spekulierte, dass er Hitler für jemanden hielt, der seine Sexualität unterdrückte und so weder „Fisch noch Fleisch“ (bzw. Heterosexuell noch Homosexuell) gewesen wäre. Dass dies auch nichts weiter als reine Spekulation war, die auf keiner Erfahrung sondern nur einer Ahnung beruhte, scheint bei den Befürwortern der Theorie dabei keine Rolle zu spielen.

Da viele Vertreter der These, dass Hitler schwul war, aus den Reihen derjenigen kommen, die Homosexuellen generell negativ gegenüberstehen, hat sie für viele Historiker zudem den üblen Beigeschmack der Diffamierung, ähnlich wie beim Atheisten/Vegetarier-Argument wird hier eine Argumentation zur Destruktion einer angeblichen Eigenschaft, bzw. Lebensweise gemacht, die alle Individuen, die ähnliche Eigenschaften teilen, negativ darstellen soll.

Amerikanische Psychoanalysen sorgen für Furore

In einigen Psychoanalysen, die in den frühen 40ern von besorgten Medizinern gemacht wurden (natürlich nicht im Auftrag des Nazi Regimes) fanden sich keine Hinweise auf Homosexualität (der OSS Report von Walter C. Langer vermutete höchstens homosexuelle Neigungen, befand die Beweislage jedoch zu dünn). Lediglich Henry Murray auch für einen OSS Report befragt), der nicht zuletzt aufgrund seiner fragwürdigen psychologischen Experimente an Studenten in Harvard einen eher geringen Stand in der Welt der Psychoanalyse hat, schrieb relativ sicher, dass er Hitler für einen Homosexuellen hielt, der impotent in jedweder heterosexuellen Beziehung sei. Es sei jedoch hervor zu heben, dass es sich in diesen Berichten um Fernstudien hielt, also um rein spekulative Profile, die keine tatsächlichen Beweise enthielten. So verwundert es nicht, dass Murray auch Schizophrenie und Kokophronie mit in seine Analyse einarbeitete.

5. Hitler hatte nur einen Hoden

Es gibt diverse interessante Geschichten über Hitlers physisches Wohl-, bzw. Unwohlsein. So soll er an Blähungen gelitten haben, in den frühen 40ern süchtig nach Amphetaminen gewesen sein, angeblich einen unregelmäßigen Herzschlag, Hautausschlag und Parkinsons gehabt haben, auch von Syphilis wird hier und da geredet und während der Kriegszeiten soll er bis zu 90 verschiedene Pillen zu sich genommen haben, um alle Arten an Magenverstimmungen und andere Krankheiten zu bekämpfen.

Scherzlied wird zur urbanen Legende

Warum man also etwas derartig absurdes wie den einzelnen Hoden heraus sucht? Nun, sicher auch, weil es als unmännlich gesehen werden könnte, in der Impotenz eingeschränkt, weshalb seine Grausamkeit doch sicher als Kompensation dessen wirkte.

Aber am ehesten hat sich dieses Gerücht wohl jahrelang gehalten, weil es schon zu Kriegszeiten ein gar amüsantes Liedchen dazu gab, das u.A. folgendermaßen ging:

Hitler has only got one ball

Göring has two but very small

Himmler is somewhat similar

But poor Goebbels has no balls at all.

Zum Colonel Bogey March wurde diese nette Weise gesungen und so ging dieser offensichtliche Scherz (den es auch mit ausgetauschten Namen gab) in die Analogie der urbanen Legenden über und wurde immer wieder von News und Entdeckungen bezüglich dieser unglücklichen Verletzung aufgefrischt. So soll etwa der Arzt Johan Jambor im ersten Weltkrieg einen jungen Adolf Hitler verarztet und dabei ebenjene Verletzung bemerkt haben. Dies gestand er in den 60er Jahren einem Priester, der es aufschrieb.

Allerdings konnte Hitlers persönlicher Leibarzt Dr. Theodor Morell nichts dergleichen finden, zumindest schrieb er es nirgends nieder, noch lässt sich in den Patientenakten von Adolf irgendetwas zu fehlenden Geschlechtsorganen finden.

Natürlich kann nichts – wie so oft – genau bestätigt werden aber auch hier sollte man der wissenschaftlichen Weisheit nachgehen: Die einfachste Antwort ist meistens die Richtige.

Mehr laden
Load More In Gesellschaft

One Comment

  1. Valentin Anker

    16. Januar 2013 at 22:18

    Sehr interessanter Artikel

Mehr Wissen

Nachtarbeit: So krank macht sie, so vermeidbar ist sie

Jeder sechste Beschäftigte in Deutschland arbeitet im Schichtbetrieb. Für Krankenschwester…