Was sind Hipster? Ein soziokulturelles Phänomen unter der Lupe

Hipster, diese schrecklichen Biester mit Bill Cosby Pullovern, dicken Brillengestellen und Stofftaschen, wo kommen sie eigentlich her, was wollen sie überhaupt und sowieso: woran erkenne ich denn nun einen echten Hipster?

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Es ist ein schwieriges Thema, wie mittlerweile jede soziale Gruppierung fällt es immer schwerer, sie genau heraus zu picken, während man früher jemanden mit Irokesenschnitt und Lederjacke gesehen hat und sofort wusste, dass das ein Punk war, kommen die kontemporären Jugendlichen mittlerweile in allen möglichen Stilen, Verkleidungen und Vokabular einher, die man unmöglich zielgenau auf eine Sparte fest legen kann.
Das faustschwingende Verfluchen ebenjener wird dadurch immer schwieriger, ein Krampf für die Fensterbrettomas und -opas, die keine Worte mehr für ihr Unverständnis finden, zu viel, zu vielfältig und zu individuell.

Hipster überschwemmen die Metropolen

Ähnlich ist es mit Hipstern, denn die findet man überall, in Großstädten braucht man nur ein Smartphone zu werfen und trifft dabei mindestens drei von ihnen, sie bevölkern die Blogger Community und lesen Pitchfork, sie haben American Apparell und Urban Outfitters zu Erfolgsgeschichten gemacht und sorgen dafür, dass Instagram Filter noch in Jahrtausenden die Chronik der Menschheit durchziehen werden, so dass alle unsere Nachfahren annehmen müssen, dass unsere Atmosphäre so verschmutzt war, dass die Luft durchgehend ein Sepia-farbener Ton durchzog.

Aber wie erkennt man sie? Die Kleidung alleine reicht heutzutage längst nicht mehr zum Festnageln auf krude, soziale Gruppierungen.

Aber fangen wir einmal von vorne an:

Die Entstehung des Hipsters

Die Jazz-Bewegung ist schuld, dass also viele eine angeborene Abneigung gegen Free- und – schauder – Fusion Jazz haben liegt nicht nur an der Musik, sondern auch an der unterbewussten Erkenntnis, dass diese frickelnden Freigeister der damaligen Musikszene für das Aufkommen der ersten Hipster verantwortlich waren.
So war man „hip“, wenn man Teil dieser neuen, aufregenden Szene war, die sich zusammen mit den Beatniks vermischte und irgendwann ihre ersten „Hipster“ gebar, die sich im eigenen Schleim und formschönen Rollkragenpullovern und eben diesen dicken Brillengestellen suhlten und auf die Masse herab blickten, die die Ästhetik und sozialkritische Aussage eines 30-minütigen Freejazzspektakels nicht zu schätzen wussten.

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Von Anfang an war die Demografik relativ klar: weiße Mittelklasse, vorwiegend männlich (wir erinnern uns, es waren die 40er, Frauen durften gut aussehen und gut kochen, aber bitte nicht Teil einer Jugendbewegung sein).
Was machte den Hipster von damals auch schon aus? Er war nicht der kreative Impuls, sondern der Empfänger, wollte aber unbedingt der erste Empfänger sein.
Während also vorwiegend schwarze Musiker das Jazz Genre prägten und zu einem Ursprung vieler späterer Musikgenres machten, standen die Hipster vor der Bühne und strichen sich wohlwollend das Kinn.
Norman Mailer schrieb einmal, dass Hipster sich selbst von der Gesellschaft schieden, um ohne Wurzeln unbekannte Weiten zu bereisen. Im Gegensatz zum Raumschiff Enterprise bestand dies meistens jedoch eher darin, Subkulturen zu unterwandern und zu „entdecken“, so wie die europäischen Siedler Amerika „entdeckten“.

Charakteristika eines Hipsters

Der Hipster will sich also von der ermüdenden Popkultur loslösen, indem er ihr entweder einen Schritt voraus ist, oder aber ewig in ihren längst vergessenen Aspekten verweilt. Vintage ist daher ein wichtiger Aspekt, warum sollten Bill Cosby Pullover jemals wieder in Mode kommen?

Selbst Bill Cosby muss sich alte Fotos von sich ansehen und schaudernd an die 80er und frühen 90er denken, als beißende Muster und Kompostfarbspektren modisch waren. Von den vielen Modetrends, die wir gerne wieder aufleben lassen, gehören die auch als Teppichpullover bekannten Wollmonster sicher nicht dazu.

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Genau deshalb trägt sie der Hipster, er versteht die Intention des allerersten Teppichpullovers, die hypnotisierenden Muster sollten den Betrachter in einen bewusstseinsverändernden Zustand der Erkenntnis versetzen, sich selbst in den Kartoffelfarbenen Windungen finden, eine Maschinengestrickte Version des Rohrschach-Testes, die für ignorante Außenstehende zu verwirrend, zu introspektiv wäre.

Pop- und Nischenkultur im Kaleidoskop

Der Hipster ist nicht dumm, bei weitem nicht. Er liest philosophische Werke, sieht ausschließlich französisches Cinema Noir (das amerikanische ist zu vulgär) und schreibt Essays über die vergessenen Bob Dylan Texte. Sein Intellekt zersplittert sich in alle Bereiche, allerdings nur, wenn sie nicht zu Mainstream sind.

„Mainstream“, das sind amerikanische Klassiker, Kultfilme und Andy Warhol. Mainstream sind Bands, die jeder mag, Filme, die jeder sieht und Bücher, die jeder kennt. Mainstream erlaubt der Hipster nur in seinem Leben, wenn er es anders versteht, als der normale, ach was, proletarische Rezeptor.
So wird sich der Hipster nur dann auf eine Coldplay Platte einlassen können, wenn er einem in voller Länge über die sozioökonimischen Hinweise auf eine alternative, kommunistische Lebensführung berichten darf, die Chris Martin bewusst oder unbewusst in seine Texte eingebaut hat.

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Dass „Transformers“ eigentlich eine äußerst clevere Analogie der komplizierten russisch-amerikanischen Beziehungen während des kalten Krieges sein soll, viele aber einfach durch die Spezialeffekte davon abgelenkt werden, offenbart sich nur dem Hipster, doch dafür ist er da – die Seiten der Gesellschaft zu erkunden, die niemand, kein einziger sonst vor ihm erkundet hat.
Der Hipster hört jede Band in Fieberträumen zwei Jahre bevor sie sich gründen, er schreibt durch Ecriture automatique Techniken (für alle Laien: Automatisches Schreiben) Bücher, bevor sie von ihren eigentlichen Autoren veröffentlicht wurden und er trägt Hosen, die nur durch Technologie aus Paralleluniversen so schmerzlich eng genäht werden konnten, ohne die Blutzufuhr abzuschneiden.

Peripherie der Reflektion

Der Hipster ist dabei aber auch einem Fluch unterlegen: Er wird niemals Teil einer Gruppe sein, denn jeder Hipster hält sich für moderner, intelligenter und besser als andere Hipster, was ihm vielleicht nicht oberflächlich gesehen, aber definitiv auf tiefen emotionalen Ebenen von seinen Mitmenschen distanziert.
Dass er außerdem als ständig Außenstehender nur selten die wahre Antriebskraft einer Kultur versteht, grämt ihn zudem. So mag der gemeine Hipster alle Vintage Spielkonsolen bei sich zuhause haben, einen Nintendo Controller um seinen Hals tragen und Pixelkunst in der Lagerhalle im verlassenen Hafenviertel am Rand des „kriminellen Viertels“ ausstellen, aber was Gamer bewegt, warum sie sich so sehr in ein Spiel versetzen können, dass ihnen die Schicksale der Spielcharaktere ans Herz gehen, das versteht sein Sepiafarbenes Herz nicht.

Für den Außenstehenden mögen diese Unterschiede nicht offensichtlich sein, doch die einzelnen, sozialen Gruppen riechen und meiden den Hipster dementsprechend auf Meilen.

Wie ein Außerirdischer wirkt er so auf Umstehende, wenn er mit fragend schief-gelegtem Kopf auf einem Konzert steht und lächelt und tanzt, weil er weiß, dass das normale Menschen so machen, aber nicht genau versteht, warum, denn die tiefen Gefühle, die ein Dan Mangan Auftritt in jedem zentralen Mitglied der Gesellschaft frei legt, die kann er nicht durch seine für immer ironisch isolierte Retina und Ohrmuschel erschließen und schießt lieber Fotos, um sie umgehend auf Facebook zu posten.

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Ironisch ist er nämlich, wenn er sich an die Normalbürger heran wagt. Wenn er süffisant grinsend an einem McDonalds Burger kaut und dabei über Kanye West redet, so schwingt eine undefinierbare Herablassung mit, selbst aus seinen Kaubewegungen kann man die Abfälligkeit gegenüber der kapitalistischen Burgerkette herauslesen, der Hipster hat niemals frei, sein ganzes Leben ist ein ironisch-analysierendes Happening, dass die Umgebung aufnimmt, kritisch reflektiert und von sich weist.

Wir sollten ihn (oder sie, auch weibliche Hipster existieren in schwarzen Zahlen) nicht hassen, noch sollten wir ihn ausstoßen. Seine Liebe zu sozialen Netzwerken und technischen Geräten (insbesondere der gekennzeichneten Hipster-Marke Apple) ist eigentlich ein ungelenker Versuch, sich mittels technischer Brücken zugegeben ungelenk an den Rest der Menschheit zu wenden.
Jeder Tweet ist eine symbolisch ausgestreckte Hand, die jedoch nur durch Retweets angenommen werden kann, da der eigentliche, physisch oder emotionale Kontakt zu klischeehaft, zu Mainstream, zu fremdelnd ist. Also helft euren Hipstern, retweeted, shared, liked, kommentiert und bloggt – auch sie brauchen Liebe.

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