Die Retter zerstörter DDR-Literatur

Nach der Wende konnte auch schnell der Ost-Buchhandel feststellen, was eine Wegwerf-Gesellschaft ist. So wie sich die Supermärkte im Osten sich mit West-Produkten füllten, so geschah es auch mit den Buchhandlungen: Die Ost-Bestände landeten einfach auf dem Müll um Platz für den Westen zu machen.

1933 verbrannten die Nazis die Bücher und 1991 ließ man sie auf dem Müll verschimmeln. Nach dem Fall der Mauer musste auch im Osten zwanghaft der Westen Einzug halten und so wurden rund 100 Millionen Bücher, zum Größtenteil noch druckfrisch, einfach auf mehrere Mülldeponien verteilt um in den Lagerhallen und Buchandlungen Platz zu machen. Darunter waren Klassiker, Camus, Tolstoi, Zweig, Heinrich Mann, Dostojewski, aber auch Bildbände, Sachbücher. Und vor allem Schriftsteller aus der DDR, die dank dieser Aktionen heute keiner mehr kennt.

Vergessen zeigt sich im Feuer und auf der Müllhalde. Schimmel legt sich über die Vergangeheit und Klassiker werden mit schönen West-Drucken, aber demselben Inhalt in die vermeintliche neue Zeit geführt.

Das, was heute nur wenige wissen, haben damals natürlich ein paar bibliophile oder einfach interessierte Leute mitgekriegt und die Müllkippen durchforstet. Und so gelang es die Bestände, die vergessen werden sollten, zu bewahren.

So zum Beispiel der Kaltenburger Pfarrer Martin Weskott. Jedes Wochenende machte er sich mit einem Lastwagen auf den Weg und rettete so an die 40.000 Bücher. Diese fanden nun im Kloster von Kaltenburg ein neues Zuhause. Mehr und mehr Leute konnten etwas zu seiner Sammlung beitragen. Die entsprechenden Autoren wurden eingeladen, „Müll-Literaten lesen“ nennt er diese Veranstaltungen. Doch von einer geordneten Bibliothek ist Weskott weit entfernt.

In diese Richtung gehen dann schon eher die Bestrebungen des Schauspielers und ehemaligen Tatort-Kommissars Peter Sodann. Dieser hat es Weskott nach der Wende gleich getan. Auch er rettete Tausende von literarischen Zeugnissen und lagert sie heute in einem Kindergarten in Merseburg. Mehr und mehr Leute gaben und geben ihm Bücher aus den ehemaligen Müllbeständen und so sind es mittlerweile an die 180.000 Bücher.

Entstehen soll eine Bibliothelk der damaligen zerstörten Werke. Die „Peter -Sodann-Bibliothek“ ist ein eingetragener Verein und unterhält im Merseburger Hotel „Wettiner Hof“ bereits eine Bibliothek für die Gäste.

Mal sehen, ob sich der Schimmel des gewollten Vergessens beseitigen lässt. Dank Menschen wie Sodann und Weskott haben wir eine gute Chance…

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