Home Geisteswissenschaften Literatur Feuchtgebiete – Tabubruch oder gekonnte Überspitzung?

Feuchtgebiete – Tabubruch oder gekonnte Überspitzung?

In den letzten Wochen wurde wohl kaum ein Buch-Bestseller so kontrovers diskutiert wie „Feuchtgebiete“ von Charlotte Roche. Die einen haben sich vor Ekel geschüttelt, die anderen sich in Lobeshymnen ergossen.

Im Großen und Ganzen, muss ich sagen, kann ich den veranstalteten Medienzirkus nicht ganz verstehen. Charlotte Roche wollte provozieren und hat es geschafft. Was heutzutage ja gar nicht mehr so einfach ist… (siehe auch Beat Generation oder Lou Reed)

Neben einer etwas vernachlässigten Story von einem Mädchen das nach einer missglückten „Arschrasur“ im Krankenhaus landet, offen mit ihrer Sexualität experimentiert und sich schließlich in ihren Pfleger verliebt, wird man von einem Tabubruch zum nächsten gejagt.

Hier probiert sie den Geruch ihrer Vagina an Männern als eine Art Parfum aus, da beschreibt sie wie sie Avocadokerne züchtet um sie zur Selbstbefriedigung zu nutzen.

Roche verdeutlicht hier durch absolute Überspitzung und sehr direkte Ironie die eigentlich bizarre Einstellung zum menschlichem Körper in unserer Gesellschaft. Wir leben in einer Welt, in der alles Natürliche unterdrückt wird. Angefangen bei Deos, die unseren Geruch übertünchen, über nicht schmatzen, rülpsen oder furzen bis hin zu Sex als etwas tabuisiertes zu betrachten.

Wer die Aussagen in „Feuchtgebiete“ allzu ernst nimmt, bestätigt nur noch diese Einstellung. Nicht, dass ich nicht froh wäre über Duschgels und Co., aber wenn man es mal genau bedenkt ist unsere übertriebene Hygieneeinstellung wirklich bizarr.

Und genau hier setzt Charlotte Roche an, indem sie uns all unseren Ekel drastisch vor Augen führt. Wegen so etwas ein derartiges Spektakel zu veranstalten ist das eigentlich eklige und bizarre… Aber ich gönne ihr den Rummel bezüglich der Verkaufszahlen.

„Feuchtgebiete“ ist wirklich witzig und sprachlich ganz gut geschrieben. Ich fand es aber nach ein paar Seiten leider etwas langweilig, da das Schema sich ständig wiederholt – gewollte Provokation löst einen Tabubruch ab usw. Aber das muss wohl auch so sein, damit das Drastische wirkt.

Alles in allem mal etwas anderes und ein direkter Beweis dafür mit wievielen Tabus sich unsere ach so aufgekärte Gesellschaft immer noch herumschlägt.

[youtube 6R7LWc3To9A]

Mehr laden
Load More In Literatur
Comments are closed.

Mehr Wissen

Das Internet als Wissensspeicher

Seit Anbeginn der Menschheit lernen wir ständig dazu. Das ist natürlich, doch die Evolutio…