Home Allgemeinwissen Mein Lieblingsgedicht von Erich Kästner: „Die Entwicklung der Menschheit“

Mein Lieblingsgedicht von Erich Kästner: „Die Entwicklung der Menschheit“

Erich Kästner ist nicht nur ein toller Kinderbuchautor („Pünktchen und Anton“, „Emil und die Detektive, „Das doppelte Lottchen“), sondern auch ein toller Dichter. Das beste an seinen Gedichten gefällt mir, wie auch bei Brecht oder Mühsam, dass er die kritisch, aber mit einem Augenzwinkern beobachtet.

Ohne Humor wäre einiges wohl schwerer zu ertragen und so lese ich Kästners Gedichte immer gerne, wenn ich an den Menschen und vor allem an der Politik zweifle bzw verzweifle.

Seine politischen Gedichte und Bücher wurden damals von den Nazis mit verbrannt, doch konnten seine Werke dadurch, oder wahrscheinlich gerade deshalb, wie bei vielen anderen Autoren auch nicht zerstört werden. Noch heute haben sie nichts an Aktualität verloren, was uns dieses Gedicht von Kästner beweist (auf zweierlei Hinsicht 😉 ):

Die Entwicklung der Menschheit

Einst haben die Kerls auf den Bäumen gehockt,
behaart und mit böser Visage.
Dann hat man sie aus dem Urwald gelockt
und die Welt asphaltiert und aufgestockt,
bis zur dreißigsten Etage.

Da saßen sie nun, den Flöhen entflohn,
in zentralgeheizten Räumen.
Da sitzen sie nun am Telefon.
Und es herrscht noch genau derselbe Ton
wie seinerzeit auf den Bäumen.

Sie hören weit. Sie sehen fern.
Sie sind mit dem Weltall in Fühlung.
Sie putzen die Zähne. Sie atmen modern.
Die Erde ist ein gebildeter Stern
mit sehr viel Wasserspülung.

Sie schießen die Briefschaften durch ein Rohr.
Sie jagen und züchten Mikroben.
Sie versehn die Natur mit allem Komfort.
Sie fliegen steil in den Himmel empor
und bleiben zwei Wochen oben.

Was ihre Verdauung übrigläßt,
das verarbeiten sie zu Watte.
Sie spalten Atome. Sie heilen Inzest.
Und sie stellen durch Stiluntersuchungen fest,
daß Cäsar Plattfüße hatte.

So haben sie mit dem Kopf und dem Mund
Den Fortschritt der Menschheit geschaffen.
Doch davon mal abgesehen und
bei Lichte betrachtet sind sie im Grund
noch immer die alten Affen.

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3 Kommentare

  1. till lukas fiedler

    8. April 2009 at 14:09

    Ein gutes gedicht,über dass man sehr viel schmunzeln und nachdenken kann.und es stimmmt auch nach so vielen jahren immmer noch.
    fiedler

  2. Gregor Schwinde

    2. November 2009 at 23:29

    Kann mir jemand sagen, wann Kästner die Gedichte ua. „die Entwicklung der Menschheit“ geschrieben hat? Besten Dank. GS.

  3. Tim

    17. Dezember 2009 at 00:09

    das war 1932, wenn ich mich nicht irre..

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