Das Stanford Experiment: Was Philip Zimbardo mit dem Gefängnisexperiment erreichte

Im Zuge des heiß diskutierten Milgram Experimentes wurde in den 60er Jahren ein Experiment gestartet, das die Konformitätstheorie noch weiter trieb und bis dato und auch seither an Eskalation nicht mehr übertroffen wurde. Das Stanford Experiment erschreckt heute noch, aber nicht wegen Zimbardos Ergebnissen.

Auch wenn Milgram teilweise ebenso überrascht von den Ergebnissen seines Experiments war, Philip Zimbardo, dessen Experiment auf Milgrams Entdeckungen aufbaute, wurde nicht nur überrascht, sondern mehr oder weniger unfreiwillig in seine eigene Studie hinein gezogen und fiel damit selbst in die Rollenprofile, die er untersuchen wollte.

Das Stanford Experiment in der Zusammenfassung

Interessanterweise wählte Zimbardo, damals Professor an der Stanford University, als Teilnehmer Studenten und zwar zu einer Zeit (1971), als diese gerade vorwiegend gegen staatliche Exekutiven wie die Polizei oder die Armee demonstrierten, also für Gleichberechtigung und gegen jegliche Gewaltanwendung.

Für 15 Dollar pro Tag nahmen sie an einem Experiment teil, das in einem leeren Abschnitt der Universität stattfand, den Zimbardo mit seinen Kollegen zu einem Gefängnis umbauen ließ. Aus insgesamt 75 Freiwilligen wählte Zimbardos Team jeweils 12 Probanden, einmal als Gefängniswärter, einmal als Insassen.

Das Experiment sollte maximal 14 Tage andauern, in einem Test wurden bereits diejenigen heraus gesammelt und als Teilnehmer verworfen, die psychologisch auffielen, bereits eine kriminelle Vergangenheit oder aber medizinische Probleme hatten. Somit starteten 24 junge, starke und gesunde Männer in das Stanford Experiment.

Ein Assistent von Zimbardo würde als Oberaufseher fungieren, Zimbardo selbst als Gefängnisdirektor.

Die Wärter bekamen hölzerne Schlagstöcke die sie jedoch nicht verwenden durften, sondern lediglich zur Einschüchterung der Insassen und zur Wahrung des Status als Wärter besaßen. Neben der normalen Arbeitskleidung bekamen sie außerdem verspiegelte Sonnenbrillen, die halfen, den Augenkontakt mit Insassen zu vermeiden.

Zur Vorbereitung wurde den Wärtern ein Vortrag über ihre Rolle, sowie den Tabus und Regeln gehalten. Gewaltanwendungen waren verboten, allerdings wurden verbale Beleidigungen, Drohungen und mehr erlaubt, sogar gefördert. Im Vortrag hieß es, dass sie den Insassen das Gefühl von Individualität und Macht nehmen sollten.

Das Wecken mitten in der Nacht, das Säubern der Toiletten ohne Handschuhe war alles erlaubt und sollte Druck auf die Insassen ausüben.

Die Insassen bekamen schlecht sitzende Kleidung, auf der Nummern genäht waren, mit denen sie aufgerufen werden sollten. Mit Beginn des Experiments würden die Insassen nicht mehr von den Wärtern mit Namen angesprochen werden, sondern nur noch mit diesen Nummern.

Am ersten Tag wurden die Insassen außerdem entlaust, bereits an diesem Tag bemerkte Zimbardo, dass die ersten Witze über die Genitalien der Nackten von den Wärtern ausgingen, zu dem Zeitpunkt jedoch noch in allgemein guter Stimmung.

Bereits am zweiten Tag wehrten sich die Insassen, was Zimbardo selbst verwunderte, da sie zu dem Zeitpunkt noch keinen Grund gehabt hatten, gegen irgendwelche Missstände zu kämpfen. Im Nachhinein sah er es jedoch als erstes Zeichen der Unmut, dass sie nur mit Nummern und nicht mit Namen angesprochen wurden und zudem ihre Grenzen austesten wollten, immerhin war es ein Experiment, mehr nicht.

Vom Wissenschaftler zum Teilnehmer

Zimbardo selbst war zum Zeitpunkt des Experimentes kein objektiver Beobachter mehr. Als einer der Insassen – der am zweiten Tag das Aufbegehren angeführt hatte – sich meldete, um das Experiment abzubrechen, bot ihm Zimbardo an, dass er dafür sorgen würde, dass die Wärter ihn nicht mehr belangen würden, wenn er dafür seine Kameraden ausspionieren würde. Der Insasse verstand dies als Zeichen, dass er keine Erlaubnis hätte, das Experiment zu verlassen, was er auch so weiter kommunizierte.

Anstelle ein zu haken und den Teilnehmer auf das Missverständnis aufmerksam zu machen, ließ sich Zimbardo auf diese Entwicklung ein, da er sich erhoffte, dass es dazu führen würde, dass die Umstände eines echten Gefängnisses nun noch mehr gegeben wären.

Wenn aus Spaß Ernst wird

Ein Teilnehmer versuchte, durch das Vorgeben von Verwirrung frei zu kommen und wies bald echte, ernst zu nehmende psychotische Verhaltensweisen auf, weshalb Zimbardo entschloss, ihn sofort aus dem Experiment zu entlassen.

Seine Entlassung kreierte weitere Gerüchte, dass er mit Freunden zurück kommen würde, um die anderen Insassen zu retten. Anstatt die Situation aufzulösen, ließ Zimbardo die Insassen in ein anderes Abteil der Universität verfrachten. Zimbardo selbst würde in den alten Räumen auf die „Rebellen“ warten und versuchen, sie davon zu überzeugen, dass das Experiment vorbei war.

Stattdessen tauchte ein Kollege auf und fragte, wo genau die objektive Sichtweise im Experiment war, welcher unbeteiligte Beobachter Notizen nahm. Zimbardo war empört, angesichts der drohenden Rebellion hielt er so eine Frage für unwichtig, die Grenze zwischen Experiment und dem wahren Leben verschwamm.

Nachdem die Wärter die Insassen nach der ausbleibenden Rebellion wieder zurück bringen und das „Gefängnis“ neu aufbauen mussten, erhöhten sie das Level an Druck auf die Gefangenen.

Ein weiterer Insasse weigerte sich, seine Zelle zu verlassen, stattdessen wurden seine Kollegen bestraft, um die Solidarität untereinander zu zerstören.

Als der Insasse (819) Zimbardo bat, das Experiment zu verlassen und dieser alles vorbereitete, hörte er im Hintergrund die anderen Insassen im Chor – aufgefordert von den Wärtern – singen: „Gefangener 819 hat sich falsch benommen“. In diesem Moment entschied sich 819 zu bleiben, um zu beweisen, dass er ein guter Insasse wäre. Zimbardo argumentierte heftig dagegen und schaffte es schließlich, ihn davon zu überzeugen, dass er weder ein Insasse, noch ein schlechter Insasse sei und der Teilnehmer ging.

An seine Stelle kam 416, der zu seiner Ankunft einen Schock erlebte, da er sich sofort ausziehen musste, die Augen verbunden bekam und das Level an Herablassung, das über Tage hinweg langsam angestiegen war, mit voller Wucht erlebte. Als er umgehend gehen wollte, wurde ihm gesagt, dass er das nicht tun könne, da er in einem echten Gefängnis wäre.

Zu diesem Zeitpunkt spielten die Wärter grausame Marionettenspiele mit den Insassen, ließen sie Beleidigungen sagen, ein Wärter, der „John Wayne“ genannt wurde, spielte bald die dominante Rolle.

416 wehrte sich, er begann einen Hungerstreik. Als Strafe wurde er in ein „Loch“, ein dunkles Zimmer geworfen, die anderen Insassen wurden ebenso bestraft und aufgefordert, ihre Aggression an 416 auszulassen (verbal, versteht sich). John Wayne stellte die Insassen vor eine Aufgabe: entweder, sie würden ihre Decken an die Wärter geben und er würde 416 befreien oder er würde einen weiteren Tag im „Loch“ bleiben. Die Mehrheit entschied sich für ihre Decken und ließ 416 im Dunkeln.

Nach 5 Tagen hatten bereits 5 Insassen aufgehört. Eine Kollegin von Zimbardo besuchte das Experiment, als eine Reihe an Insassen mit Tüten über ihren Köpfen aufgereiht für ihren Toilettengang bereit standen. Sie wurde wütend und strengte Zimbardo an, das Experiment abzubrechen, da es seine Aufgabe sei, die Teilnehmer zu schützen, die offensichtlich litten, emotional als auch physisch. Christina Maslach würde jedoch die einzige von insgesamt 50 außen stehenden Besuchern sein, die Zimbardo offen für sein Verhalten und Experiment kritisierte.

Zimbardo gestand später seinen Fehler, gleichzeitig Wissenschaftler als auch Teilnehmer sein zu wollen, was das gesamte Experiment so weit eskalieren ließ.

„John Wayne“ gestand später, dass er selbst seine Rolle auskostete, um zu sehen, wie weit er gehen konnte, bis sich jemand wehrte, ob nun Wärter oder Insasse. Dadurch kreierte er natürlich eine weitaus anstrengendere Atmosphäre, als im Vorfeld angenommen.

Ergebnisse der Studien nach Zimbardo

Obwohl eher als Experiment zur Konformität im Rahmen der aktuellen Milgram Resultate gedacht, endete das Stanford Experiment auch mit dem Punkt, dass Menschen sich schneller selbst in fiktive Situationen und Rollen einfinden, als bisher angenommen.

Bereits nach wenigen Tagen waren diverse Insassen als auch Wärter so sehr in ihre Rollen involviert, dass etwa 819 nicht in der Lage war, sich außerhalb der Rolle des Insassen zu sehen. Erst als Zimbardo im sagte, dass es nur ein Experiment war, war er in der Lage, das Gefängnis zu verlassen.

Ein weiterer Punkt war die Tatsache, wie schnell die Solidarität unter den Insassen durch Druck von außen zerstört werden konnte. Im Hungerstreik von 416 halfen nur wenige Insassen, die meisten gaben ihm die Schuld für die Strafen, die von den Wärtern auferlegt wurden.

Ergebnisse aus wissenschaftlicher Sicht

Allerdings sei mehrfach darauf hingewiesen, dass das Experiment selbst nur grob hinreichend für eine kompakte Analyse ist, ganz im Gegensatz zum Milgram Experiment, da die Bedingungen extrem und wissenschaftlich unzulänglich waren, es keine objektiven Beobachter der Daten gab und die Durchführung nicht genau genug geplant war, um effektiv Ergebnisse zu bieten.

Das zeigt sich vor allem daran, dass selbst in der Dokumentation nur ausgewählte Personen zur Sprache kamen, Statistiken über das Verhalten der einzelnen Personen wurden kaum hinzu gezogen, tatsächlich soll der Großteil der Wärter freundlich gegenüber den Insassen gewesen sein und auch die Insassen sollen sich mehr gewehrt haben, als in der Doku gezeigt.

Daher ist Zimbardos Studie vor allem ein Ergebnis für die Durchführung psychologischer Studien an sich, die bis dahin kaum so sehr in Frage gestellt wurde.

Wie weit darf ein Wissenschaftler in seinen Untersuchungen gehen, was ist erlaubt, wenn Teilnehmer involviert sind, welche ethischen Ansprüche müssen eingehalten werden?

Die BBC Prison Study – Stanford Remastered

Ein erneutes Experiment von der University of Exeter zusammen mit der University of St. Andrews ergab beispielsweise völlig andere Ergebnisse, als Zimbardo, was nicht zuletzt daran lag, dass die Wärter keinerlei Anweisungen bekamen, die Insassen psychologisch unter Druck zu setzen, ein ethisch, als auch wissenschaftlich grober Fehler in seiner Studie.

Bei dem groß angelegten, auch von der BBC gefilmten Experiment, wurden täglich Fragebögen herum gereicht, die die Eindrücke der Wärter und Insassen sammeln sollten, außerdem wurden Speichelproben genommen und untersucht, um Stresslevel zu erkunden. Die Wärter hatten die Angaben, das Gefängnis so zu leiten, wie sie es für richtig hielten und ermittelten ihre eigenen Regeln im Vorfeld, die dann ausgedruckt und geltend gemacht wurden.

Während des Experiments blieben die Wissenschaftler als Beobachter außerhalb des Geschehens und Psychologen und Ärzte waren 24 Stunden am Tag anwesend, um im Notfall zu intervenieren.

Tatsächlich eskalierte die Situation in dem Experiment nicht, zudem konnte beobachtet werden, dass den Wärtern teilweise unwohl war, eben weil sie Vorteile genossen, die die Insassen nicht hatten (etwa bessere Betten und Nahrung). Die Studie zeigte sogar, dass die Insassen schneller eine Gruppe bildeten, die den Wärtern gegenüber überlegen war, bevor die Wärter sich selbst zusammen finden konnten.

Allerdings war genau das der Grund, warum die Rollenverteilung am Ende aufgelöst wurde, da die Insassen schnell die Oberhand gewannen, sich auflehnten und die Rolle der Wärter dadurch obsolet machten. Im Zuge dessen versuchten alle Beteiligten mit dem Einverständnis der Wissenschaftler, eine Kommune zu gründen. Die Wissenschaftler mussten einwilligen (oder komplett abbrechen), da die ursprüngliche Rollenverteilung endgültig zerstört war.

Doch auch die Kommune funktionierte nicht, einige der gelangweilten Verursacher der Gefangenenrebellion waren mit der liberalen Rollengleichheit nicht zufrieden und versuchten, die anfänglichen Machtverhältnisse umzukehren und die ehemaligen Wärter zu Gefangenen zu machen. Am achten Tag wurde das Experiment abgebrochen, durch die von den Wissenschaftlern aufgestellten Regeln (keine Gewalt) konnte das neue Regime nicht eingeführt werden, die Kommune, bzw. Demokratie hatte versagt, die Teilnehmer befanden sich in einer Sackgasse.

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Die Künstlichkeit eines Experiments

Natürlich war selbst dieses Experiment nicht wirklich in der Lage, das natürliche Verhalten in so einer Situation zu studieren, immerhin waren die Insassen unschuldige Teilnehmer und gingen damit nicht mit dem psychologischen Hintergrund eines tatsächlich Inhaftierten in das Experiment.

Eben so wenig waren die Wärter ausgebildet und auch dazu da, um Straftäter unter Kontrolle zu halten, sondern lediglich engagiert, um für sie unschuldige Teilnehmer in ihrem Platz zu halten.

Genau dadurch entstand sicher auch die Konflikte und das unbefriedigende Ende, denn während die Insassen relativ schnell Gruppen bildeten und sich gegen die Wärter auflehnten, fühlten sich die Wärter schlecht, weil sie aus reinem Zufall bessere Betten und besseres Essen hatten, nicht, weil es ihr Job war, Kriminelle unter Kontrolle zu halten. Dadurch widersprachen ihre moralischen Ansprüche ihrer Rolle als Wärter.

In einem echten Gefängnis gibt es natürlich Gründe, warum die Inhaftierten da sind, weshalb es für einen regulären Wärter sicher nicht moralisch erdrückend ist, wenn sein Mittagessen qualitativ hochwertiger als das eines Verurteilten ist.

Dahingehend konnte selbst dieses Experiment – so vorbildlich es auch durchgeführt wurde – nicht die wirklichen Machtverhältnisse in so einer Situation wieder geben.

Allerdings hat es viel besser gezeigt, wie wichtig das Gruppenverhalten ist, wenn es um Machtausübung geht und das Konflikte innerhalb einer Gruppe schnell dazu führen können, dass das Ansehen der Gruppe nach außen hin sinkt.

Fazit:

Sowohl das Stanford Experiment als auch die BBC Prison Study konnten nur ungenaue Studien zu Machtverhältnissen, Gruppenverhalten und natürlich Befehlsgewalt und -manipulation bieten, dafür war das Stanford Experiment ein Meilenstein in der ethischen Evaluation von wissenschaftlichen Studien an sich und konnte dadurch einen Diskurs eröffnen, wie sehr selbst freiwillige Teilnehmer psychologisch unter Druck gesetzt werden dürfen, wie weit ein Experiment gehen darf und wie die objektive Beobachtung auf Seiten der Wissenschaftler beeinträchtigt werden kann.

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