„Marco W. – Meine 247 Tage im türkischen Knast“ – Marco Weiss nun im Gefängnis der Medien?

Eine Zeit lang war er wohl aus dem Gedächtnis von so manchem verschwunden und doch war es DER Prozess bzw. Skandal des letzten Jahres: Die Geschichte des damals 17-jährigen Marco Weiss beschäftigte die ganze Nation.

Ihm wurde vorgeworfen ein 13-jähriges britisches Mädchen im Urlaub in der Türkei vergewaltigt zu haben. Schnell wurde klar, dass die Vorwürfe wahrscheinlich nicht stimmen konnten und Marco nur ein Opfer der Rechtspolitik war. Er wurde über 200 Tage im türkischen Gefängnis unter den fragwürdigsten Bedingungen festgehalten. Und, was waren wir alle erleichtert, als er dann noch vor Weihnachten bis zum nächsten Prozess, der noch nicht stattgefunden hat, freigelassen wurde. Nun ein Jahr später scheint Marco wieder in den Fängen einer Maschinerie gefangen zu sein: Den Medien.

Denn hübsch zum Weihnachtsgeschäft (das natürlich nichts mit dem Buch zu tun hat… 😉 ) bringt ein Hamburger Verlag ein Buch über Marcos Zeit im Knast heraus. Natürlich sei das alles nur Therapie, es sei Marcos Idee gewesen ein Buch zu schreiben und der Verleger wolle Marco ja nur die Chance zu Aufarbeitung geben. Natürlich! Morgen erscheint das Machwerk. „Marco W. – Meine 247 Tage im türkischen Knast“ soll es heißen.

Und klar ist in meinen Augen jetzt schon: Marco wird massiv von geldgierigen Medienhaien ausgenützt. Nichts dagegen, dass er die Wahrheit erzählen will. Und, mal ehrlich, wer würde bei einem hohen Geldangebot nicht nein sagen? Doch muss denn diese sogenannte therapeutische Aufarbeitung in der Öffentlichkeit geschehen? Medienrummel bringt für die Psyche nie etwas Gutes. Marco hat sich also wahrscheinlich einlullen lassen. Denn mit dem Buch ist Marco an etliche Interview-Termine vertraglich gebunden. Zudem hat der Hamburger Verleger auch gleich mal einen Deal mit der BILD-Zeitung und dem Axel Springer Verlag gemacht. Die BILD bringt das Buch nun in einer Serie heraus. Diese Zeitung ist der absolut richtige Ort für eine sachliche psychologische Aufarbeitung. Aber der Verleger will ja nur helfen…

Schon im Vorfeld ist das Buch übrigens in den Vorbestellungen bei amazon in die Top 10 geschossen.

Was für ein Glück für den hilfsbereiten Verleger, der eigentlich nur Kinderbücher veröffentlicht. Marcos Buch ist erst das siebte Buch des Verlags. Interessant ist allein schon zu sehen, wie sich die Aufmachung der Homepage ändert. Zuerst ist man auf einer orangen Seite mit Büchern wie „Lottchen und Lea“ oder „Die Geschichte vom kleinen Kätzchen“. Dann wird man auf die Seite des Buches von Marco Weiss umgeleitet: Alles grau und schwarz. Man sieht Gitterzäune und einen kranken Marco mit kahlgeschorenem Kopf.

Hier ist es ganz klar: Dem Verleger geht es nur um die Kohle! Aufgrund des Buches sind auch die beiden Anwälte von Marco abgesprungen, die ihm eigentlich strikt geraten hatten, bevor der Prozess noch nicht zu Ende ist, unter keinen Umständen an die Öffentlichkeit zu gehen. Das könnte extrem schlechte Auswirkungen auf den Ausgang haben…

Marco erzählt wie es zu dem Vorwurf kam und wie er im türkischen Knast unter Drogen, Folter und Schlafentzug zu leiden hatte. Wenn man den Text liest merkt man schnell, dass er es nicht selbstgeschrieben hat. Doch laut Verleger ist das so. Klar, und der ehemalige Chefredakteur von Sport-BILD (wieder Springer!), Willi Schmitt, war auch nicht der Ghostwirter, sondern hat nur hier und da einen Satz ausgebessert und das Projekt begleitet. Wer’s glaubt, wird seelig!

Und mal wieder wird die Geld- und Sensationsgier das Leben eines Menschen zerstören… Denn das Buch ist dermaßen reißerisch geschrieben (klar, BILD halt), dass die Türkei komplett beleidigt ist. Im April wird das Urteil fallen und Marco hat nun höchstwahrscheinlich alle Chancen auf Freispruch verspielt.

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2 Kommentare

  1. Frank

    1. Dezember 2008 at 22:43

    Hallo Nina,

    in diesem Fall muß ich dir uneingeschränkt zustimmen. Vom Grundsatz her sicher ein interessantes Thema, wenn Marco es in einigen Jahren, mit eigenen Worten und ohne die Medien-Maschinerie im Hintergrund geschrieben hätte. Vielleicht im ähnlichen Stil wie „Mogadischu Fensterplatz“ (auch wenn er sicher nicht so gut schreiben kann wie Delius :-))…
    …(Das ist ja derzeit wieder ein aktuelles Thema – fand ausnahmsweise auch die Verfilmung die am Sonntag Abend in der ARD lief hervorragend) –
    Ich habe mir dieses Buch jetzt aber aus den von dir genannten Gründen nicht gekauft und werde es auch definitiv nicht lesen….

    LG
    Frank

  2. Nina

    2. Dezember 2008 at 12:14

    Hallo Frank,

    da muss ich dir absolut recht geben. Er hätte es nach dem Prozess schreiben sollen und zwar selbst. Nichts dagegen, wenn einem einer dabei hilft. Nicht jeder ist der geborene Autor… Aber, wenn einem dann Worte in den Mund gelegt werden und das dann noch von der BILD… Dieter Bohlen reicht da schon.

    Aber das Thema ist im Gegensatz dazu echt ernst.

    Ich hoffe wirklich für Marco, dass Springer jetzt nicht wirklich sein Leben zerstört hat, im Hinblick auf die drohende Verurteilung.

    Wirklich üble Machenschaften!

    LG,
    Nina

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