Zülfü Livaneli: „Glückseligkeit“ – Türkei zwischen Gestern und Morgen

Heute geht die Frankfurter Buchmesse zu Ende. Dieses Jahr war die Türkei das Gastland der Messe. Zu diesem Anlass möchte ich euch das türkische Buch vorstellen, das mich in letzter Zeit am meisten beeindruckt hat: „Glückseligkeit“ von Zülfü Livaneli.

Livaneli ist in der Türkei heute ein angesehender Sänger, Filmemacher und Autor. Er ist einer, der sich vehement auch immer wieder politisch einsetzt. Dabei steht er deutlich links. Eine Zeit lang war er auch Mitglied des türkischen Parlaments und setzte sich immer wieder für eine Aussöhnung zwischen der Türkei und Griechenland ein. Aus Protest gegen die Parteienlandschaft trat er schließlich von seinen Ämtern zurück. Anfang der 1980er Jahre musste er einige Jahre wegen seiner politischen Ansichten ins Exil gehen.

Sein Roman „Glückseligkeit“ und der dazugehörige Film war in der Türkei ein Riesenerfolg, gleichzeitig aber auch vielen aufgrund der Thematik ein Dorn im Auge.

Meryem wächst in einem kleinen Dorf in Ostanatolien auf. Ihre Mutter starb bei ihrer Geburt und auch sonst ist sie nicht gerade vom Glück begünstigt. In ihrem Dorf hat ihr Onkel, der Scheich, das Sagen. Im Alter von 15 wird sie von diesem vergewaltigt. Als Frau ist Meryem klar, dass sie alle Schuld auf sich laden muss. Mit der Vergewaltigung hat sie (!) Schande über die Familie gebracht und es wird von ihr erwartet, dass sie sich umbringt. Doch Meryems Lebenswille ist stärker.

Ihr Vetter Celem ist gerade aus dem Krieg gegen die kurdische PKK zurückgekehrt. Stark traumatisiert und von Alpträumen und Gewissensbissen verfolgt, erhält er den Auftrag Meryem mit in das weit entfernte Istanbul zu nehmen und dort die Ehre der Familie wiede herzustellen, mit anderen Worten, sie dort zu töten.

Meryem, die nichts davon ahnt, freut sich zunächst als Celem sie in die weite Welt mitnimmt. Celem hinterfragt immer mehr die Tradition und vor allem den Sinn des Krieges. In Istanbul lernt er, was der Islam wirklich bedeutet und, dass viele Ansichten oder Traditionen eigentlich gar nichts damit zu tun haben…

Parallel dazu erzählt Livaneli die Geschichte des Soziologieprofessors Irfan Kurdal, der mitten in einer Lebenskrise steckt. Er ist reich, verkehrt in den besten Kreisen Istanbuls und hat eine eigene Sendung im Fernsehen. Doch trotzdem fühlt sein Leben sich leer an. Am Ende der Geschichte werden die drei Protagonisten aufeinandertreffen und sich ihre Weltbilder gründlich ändern…

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Zülfü Livaneli schildert in „Glückseligkeit“ eindrücklich die Situation der heutigen Türkei: Ein Land gespalten in gestrige Traditionen und westliche Moderne. Zwei Welten treffen in diesem Land aufeinander und viele fühlen sich, wie Irfan Krudal, daher wurzellos. Die alten Ansichten von Ehrenmord und der Unterdrückung der Frau prallen jäh auf westliche Offenheit. Beide Seiten müssen in diesem Land erst zusammenwachsen und so eine neue Identität schaffen.

Das Buch drückt eindeutig Livanelis Wunsch nach diesem Prozess des Wachsens aus. Zugleich ist „Glückseligkeit“ noch toll und spannend geschrieben und vermittelt einem eine Reihe neuer Eindrücke, die zum Glück ganz ohne Klischees auskommen.

Mit Leuten wie Zülfü Livaneli ist die Türkei auf einem guten Weg sich selbst eine neue Identität zu erschaffen!

Heute Nachmittag liest Livaneli übrigens auf der Frankfurter Buchmesse aus „Glückseligkeit“ und ist dann in Deutschland und Österreich auf Lesereise.

Nächstes Jahr wird das Gastland auf der Buchmesse in Frankfurt übrigens China sein…

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